Klimaschutz und hierbei insbesondere die Minderung von Treibhausgasemissionen haben auch nach der gescheiterten UN-Klimakonferenz von Kopenhagen eine überragende Bedeutung in der europäischen Umweltpolitik. Dabei bildet der Emissionshandel das zentrale Steuerungsinstrument. Im Januar 2008 hatte die Europäische Kommission einen Vorschlag zur Novellierung der europäischen Emissionshandelsrichtlinie für die Post-Kyoto-Phase ab 2013 (3. Handelsperiode) vorgelegt. Dieser sah eine drastische Verknappung der Emissionsrechte, eine Vollersteigerung von CO2-Zertifikaten für die Stromwirtschaft sowie eine schrittweise Versteigerung von Emissionsrechten für die Industrie bis zum Jahre 2020 vor. Spätestens dann hätte auch die Industrie ihre Zertifikate in vollem Umfang ersteigern sollen.
Die Auswirkungen einer derartigen Entscheidung hätten einen Kostendruck von über 800 Mio. Euro jährlich für die Zementindustrie bedeutet und wären kaum zu bewältigen gewesen. In der Summe hätten die Belastungen fast 45 Prozent des durchschnittlichen Jahresumsatzes der deutschen Zementindustrie und über 100 Prozent der Bruttowertschöpfung bedeutet. Eine Verlagerung der Klinkerproduktion einschließlich der dabei entstehenden Treibhausgasemissionen in Standorte außerhalb der Europäischen Union ("Carbon Leakage") wäre unausweichlich gewesen.
Demgegenüber hatte sich die Zementindustrie stets für Regelungen eingesetzt, die die Wettbewerbsfähigkeit der energieintensiven Industrien insgesamt nicht gefährden und eine nachhaltige Klinker- und Zementproduktion auch künftig in Europa ermöglichen. Oberstes Ziel war eine kostenfreie Zuteilung der Zertifikate auf der Basis anspruchsvoller, aber fairer Benchmarks. Um diese Position zu untermauern, wurde die Unternehmensberatung McKinsey beauftragt, die Auswirkungen des Kommissionsvorschlages der EU auf die deutsche Zementindustrie zu ermitteln. Dabei zeigte sich, dass im Falle einer Vollversteigerung im Jahre 2020 der überwiegende Teil der deutschen Klinkerproduktion durch Importe bedroht gewesen wäre. Darüber hinaus wären zusätzliche CO2-Emissionen für die Transporte entstanden. Von daher hat sich die Zementindustrie auf nationaler und europäischer Ebene intensiv für eine entsprechende Berücksichtigung der Untersuchungsergebnisse eingesetzt.
In den Beschlüssen des Europäischen Rates haben die Staats- und Regierungschefs die Argumentation der Wirtschaft teilweise aufgegriffen und energieintensive Industrien wie die Zementindustrie von der Versteigerung der Zertifikate unter bestimmten Voraussetzungen ausgenommen. Die Zementindustrie begrüßt diese Entscheidung. Dies ändert jedoch nichts an dem allgemeinen CO2-Minderungsziel von 21 Prozent bis 2020. Mit der kostenfreien Zuteilung von CO2-Zertifikaten auf Basis anspruchsvoller Produkt-Benchmarks stellt der Emissionshandel die Zementindustrie ab 2013 auch weiterhin vor erhebliche Herausforderungen.